{"object":[{"sourceId":{"label":"SourceId","value":"1035567"},"endDate":{"label":"Bis","value":"1887"},"primaryMediaCaption":{"label":"PrimaryMediaCaption","value":"CC BY-NC 4.0"},"invno":{"label":"Inventarnummer","value":"LK202"},"description":{"label":"Beschreibung","value":"Das alte Fremdenbuch ist ein kulturhistorisches Dokument ersten Ranges. Die erste Eintragung erfolgte am 17. 8. 1830, die letzte am 15. 9. 1848, wobei die Eintragungen ab 1842 nur mehr sporadisch vorgenommen wurden. Einzelne Aufschreibungen stammen dann noch aus 1850, 1853, 1856 und 1887. Auf den Seiten des Buches spiegelt sich in den Gedichten, Aphorismen und Zeichnungen die Zeit des Biedermeier und des Vormärz wider. \r\nAls der aus einer einheimischen Familie stammende Müllerssohn Ignaz Waissnix (1789 - 1860) 1810 Anna Polleres heiratete, die den bereits 1652 erstmals erwähnten Thalhof bei Reichenau als Mitgift erhielt, begann ein steiler Aufstieg des Bauernhofes, der 1823 auch das Tavernenrecht und damit die Erlaubnis zur Beherbergung seiner Gäste erhielt. Waissnix verfügte vor allem durch seine Aktivitäten als Lohnfuhrwerker über zahlreiche Kontakte in Wien und hat offenbar das Interesse seiner Kunden systematisch auch auf das idyllische Tal am Fuße von Gahns und Feuchter gelenkt, das so sehr dem damals erwachenden romantischen Naturgefühl entsprach. Da Waissnix selbst einige seiner Gäste bei ihren Wanderungen auf Rax und Schneeberg führte und offenbar auch die Unterkunft, Verköstigung und Bedienung mit ihrer Mischung aus Gemütlichkeit und Komfort dem Geschmack der Städter entsprachen, galt der äußerst \u201epatriarchalisch\u201c geführte Thalhof bald als eines der besten Gasthäuser der Monarchie. \r\nSpätestens am 17. August 1830 legte Waissnix vermutlich als erster Gastwirt überhaupt \u2013 aus Niederösterreich ist unter den zahlreichen Fremden- und Hüttenbüchern jedenfalls kein älteres bekannt \u2013 ein Buch auf, in dem sich die Gäste verewigen konnten, damit nach dem ausdrücklichen Wunsch des Hausherrn \u201eder Freund den Freund hier finde\u201c. Dieses \u201eFremdenbuch\u201c ist somit der Tradition der Stammbücher und im weitesten Sinne dem Freundschaftskult zuzuordnen, gibt aber auch dem damals nicht nur von dem Eigenbrötler Kyselak verspürten Wunsche Raum, die Anwesenheit im Thalhof und allfällige \u201eGipfelsiege\u201c schriftlich für alle Zeiten festzuhalten. Freilich wuchsen dem \u201eGästebuch\u201c bald auch andere Funktionen zu: Der geschäftstüchtige \u201eHerr Vater\u201c konnte auf die illustren Gäste verweisen und so den Ruf seines Hauses ständig mehren, und die \u201eFremden\u201c wetteiferten ihrerseits, indem sie sich durch Erfindungsreichtum und Zurschaustellung ihrer Sprachkenntnisse zu überbieten suchten: Deshalb fanden sich hier neben zahlreichen Eintragungen in den verschiedensten Fremdsprachen und Schriften wie Cyrillisch, Griechisch, Hebräisch und Arabisch, die die Bildung der Besucher hervorstrichen, auch Aphorismen, eben komponierte Lieder, Zeichnungen, Parodien und Gedichte. \r\nUnter den oft mehrfach gekommenen Gästen aus dem \u201eallerhöchsten Kaiserhause\u201c und dem Adel sowie aus Diplomatie, Politik, Militär, Hochfinanz, Bürokratie, Wirtschaft, Bergbau, Medizin, Gesellschaft, Theater, Kunst, Musik, Literatur, Wissenschaft und Technik sowie unter den Wallfahrern und Liebespaaren, die durch ihre Einträge auch in ihrer Persönlichkeit und Stimmungslage faßbar werden, ragen hervor: Graf Batthyany, Bauernfeld, Domayer, Graf Erdödy, Gräfin Esterhazy, Prof. Ettingshausen, Graf Fries, Gerold, Gersdorff, Baron Geymüller, Prof. Hellmesberger, Jacquin, Dr. Ludwig Köchel, Kübeck, Kuffner, Kurländer, Nuntius L\u2019Altieri, Lenau, Fürstinnen Liechtenstein, Mitis, Baron Münch (Friedrich Halm), Partsch, Pereira-Arenstein, Raimund, Schöller, Schönerer, Bundestagsgesandter Sievekind, Somaruga, Tempsky, Trattner, Weidmann, Werner, Wertheimer, Wilczek sowie die Maler Mansfeld, Reinhold und Steinfeld. Sie machten ihre \u201eLandpartien\u201c zu Fuß oder in Reisewagen, ab 1842 konnten sie ihre Anreise bis Gloggnitz durch die Südbahn verkürzen. \r\nNach dem Jahr 1846 finden sich nur mehr wenige Einträge, die hier gezeigte duftige Bleistiftzeichnung vom 24. September 1887 ist übrigens einer Skizze von Rudolf Alt vom 19. September 1846 nachempfunden. Sie stammt somit aus der \u201ezweiten Blüte\u201c des Thalhofes, als hier unter völlig veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen Peter Altenberg und Arthur Schnitzler Olga Waissnix umschwärmten.\r\n\r\nAlois Waissnix, der \u201eHerr Vater\u201c, hat seine patriarchalische Art schon auf der ersten Seite verewigt, als er das Motto vorgab: \u201eAn die Wanderer. / Lasst hier eures Namens Zeichen, / Kommt der Freund, kann\u2019s ihn erreichen.\u201c Nicht viel später fügte eine andere Hand hinzu: \u201eEs wird ersucht: / weder etwas Unanständiges / noch Anlass zum Ärger gebendes / in dieses Buch zu schreiben.\u201c\r\nBemerkenswert ist, daß die Einträge nicht nur oft dichterisch gehalten sind, sondern sogar oft in Englisch, Französisch oder Latein, selbst wenn sie von einem Österreicher aus der Familie des Barons Kübeck stammen. Adeligen\r\nMan findet Mitglieder des \u201eallerhöchsten Kaiserhauses\u201c und des Adels sowie Vertreter von Diplomatie, Politik, Militär, Hochfinanz, Bürokratie, Wirtschaft, Medizin, Gesellschaft, Theater, Kunst, Musik, Literatur, Wissenschaft und Technik. Einzelne Einträge in hebräischer, arabischer und cyrillischer Schrift geben eine Vorstellung von der Zusammensetzung mancher illustrer Gesellschaft. Manche Eintragungen geben fast einen plastischen Einblick in das biedermeierliche Treiben auf dem Thalhof: So soll Gustav Pick hier das später unter anderem durch Paul Hörbiger so berühmt gewordene Fiakerlied komponiert und gleich in das Fremdenbuch eingetragen haben; leider ist gerade dieser Eintrag verloren gegangen. Erhalten geblieben ist aber neben vielen anderen Zeichnungen wie einer des Landschaftsmalers Reinhold zum Glück die hier gezeigte duftige Bleistiftzeichnung eines Künstlers mit den Initialen \u201eJ. (v.) M.\u201c, die er bei einem Besuch im Thalhof am 24. September 1887 nach einer (übrigens auch im neuesten Werkverzeichnis von Rudolf von Alt nicht angeführten) Skizze des berühmten Aquarellisten vom 19. September 1846 angefertigt hat. Am Tag darauf machte er den letzten Eintrag, der lautet: \u201ePostscriptum zum alten Fremdenbuch des Thalhofes. Wer durchblättert dieß Buch, muß \u2013 denk\u2018 ich \u2013 Eines bemängeln: /Irrig ein \u201eFremdenbuch\u201c ward es bis heute genannt; / fuehlte doch Keiner sich fremd, der einst seinen Namen hier einschrieb, / Wenn im Thalhofe fiend stets er ein trauliches Heim.\u201c\r\nDies zeigt, daß so mancher sich hier schon vor Arthur Schnitzler wohl gefühlt hat.\r\n\r\nAlois Waissnix hält nun zu bleibendem Andenken an seinen Herrn Vater, die Frau Mutter und deren Besucher das alte Fremdenbuch, nachdem Raimund\u2019s sinniges Gedicht herausgeschnitten worden, als theueres Erbe wohl verwahrt. Er hatte den Hof, bei dem neben dem alten Stammhaus längst ein Neubau entstanden war, an seinen Sohn Carl übergeben."},"medium":{"label":"Material/Technik","value":"Papierhandschrift, Format folio, Halblederband, 104 Blätter, davon 74 mit handschriftlichen Eintragungen, 44 unbeschriebene Blätter, restauriert"},"onview":{"label":"Onview","value":"0"},"title":{"label":"Titel","value":"Fremdenbuch des Thalhofes in Reichenau"},"classification":{"label":"Bereich","value":"Landeskunde \u2013 Slg Familie Waissnix"},"people":{"label":"Künstler","value":[{"role":"Artefakte von","content":"Hotel Thalhof / Waissnix Reichenau an der Rax"}]},"classificationId":{"label":"ClassificationId","value":"11803"},"beginDate":{"label":"Ab dem Jahr","value":"1830"},"license":{"value":"https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/"},"primaryMedia":{"label":"PrimaryMedia","value":"/internal/media/dispatcher/201203/full"},"provenance":{"label":"Provenienz","value":"Reichenau an der Rax"},"isShownAt":{"value":"https://online.landessammlungen-noe.at/objects/1035567/fremdenbuch-des-thalhofes-in-reichenau"},"displayDate":{"label":"Datierung","value":"1830-1887"},"name":{"label":"Objektname","value":"Gästebuch"},"id":{"label":"Id","value":"6854253"},"dimensions":{"label":"Maße","value":"40 x 26 x 4,2 cm"}}]}